Den Körper bewusst wahrzunehmen und zu spüren ist achtsames Yoga. Doch was verbirgt sich dahinter und warum hat es einen enormen Einfluss auf die mentale und körperliche Gesundheit?

Gehst Du durch Deine Wohnung, nimmst Du meist unbewusst wahr, wie hart, weich, eben, uneben, kalt oder warm der Untergrund ist, wo Du Dich im Raum befindest etc. Nimmst Du währenddessen eine aufrechte oder gebeugte Haltung ein, verändert das möglicherweise auch Deine aktuelle Gemütslage wie ein Lächeln oder Nicht-Lächeln.

Oder denke an eine hitzige Diskussion. Was verändert sich? Muskeln verspannen, die Haltung verändert sich, das Herz pocht und rast, der Atem ist eher stockend und ein Gefühl von Wut, Ärger oder/und Traurigkeit steigt hoch.

An diesem Wahrnehmungsprozess sind Millionen Tastsinneszellen beteiligt, die alle Zustandsänderungen ans Gehirn weiterleiten. Die Körperwahrnehmung ist sinnbildlich gesprochen Dein inneres Sprachrohr. Dein Gehirn nutzt die Infos, sofern sie als wichtig genug eingestuft werden, und steuert alles Notwendige. Atmung, Bewegungen, Gefühle und Gedanken verändern sich.

Die Körperwahrnehmung beruht auf dem wichtigsten und beeinflussbarsten Wahrnehmungssystem: dem Tastsinnessystem. Alle anderen Sinne sind behilflich, aber nicht Voraussetzung, damit Du Dich empfinden und bewegen kannst. Du hast eine Vorstellung von Deinem Körper, weil Du ihn empfindest. Auch ohne zu sehen, riechen, hören oder schmecken, kannst Du Dich im Raum bewegen und Dich selbst wahrnehmen.

Unterstützt wird dieses System durch das sogenannte Körperschema, welches das Gehirn verwaltet. Diese Vorstellung von Deinem Körper wird ständig aktualisiert.

Je besser Dein Körpergefühl ist, desto mehr kannst Du wahrnehmen. Je besser und detailgenauer Du Dich selbst wahrnimmst, desto sicherer und leichter sind Deine Bewegungen und das hat Einfluss auf Deine Gedanken und Emotionen und umgekehrt genauso. Und wie bereits im letzten Artikel erwähnt: Wer dem Körper lauscht, ist in der Gegenwart und weniger in endlosen Was-Wäre-Wenn-Gedankenschleifen.

Körperwahrnehmung ist das innere Sprachrohr

Körperwahrnehmung innere Sprachrohr

Klar, im Beruf, beim Sport oder in Deiner Freizeit laufen viele Aktivitäten unbewusst ab. Wenn Du morgens aus dem Bett steigst, den Knopf der Kaffeemaschine drückst, Dich duschst, die Zähne bürstest, Dich anziehst oder das Frühstück zubereitest bist Du normalerweise auf Autopiloten geschaltet. So findest Du auch im Halbschlaf nachts im Dunkeln den Weg zum Badezimmer.

Bevor nun der falsche Eindruck entsteht: Natürlich ist es gesund, dass viele Körpersignale still und unbewusst sind, sonst wäre der Alltag kaum zu meistern.

Nur oft führt der voll durch getaktete Alltag, die 2Go-Mittagspause und die ständige Reizüberflutung des modernen Lebensstils zu einer Überladung der Wahrnehmung, sodass die Körpersignale mehr und mehr überhört werden. Hinzu kommen technische Geräte, die Dir sowieso aufzeigen, wie viele Schritte für Dein Tagespensum fehlen, wie Dein Schlafverhalten letzte Nacht war, wie hoch der Puls ist etc. Und last but not least wird heutzutage eher auf das Äußere geachtet.

Auch Bewegungsmangel, chronische Schmerzen, Traumata, Dauerstress oder Depressionen verändern das Wahrnehmen der Körpersignale. Bei einer Depression oder einer PTBS sind Betroffene bspw. oft im Kopfmodus und nehmen recht wenig vom Körper wahr oder fühlen sich vom eigenen Körper abgekoppelt. Schmerzpatienten berichten davon, dass sie manche Körperteile kaum wahrnehmen und den schmerzenden Bereich als unverhältnismäßig groß empfinden oder gar nicht fühlen. Manche Menschen haben eher ein Gefühl für die rechte als die linke Körperhälfte. Menschen, die unter Panikattacken leiden, fühlen häufiger ein Engegefühl in der Brust und ein schnelles und stark pulsierende Herz.

Ebenen des Tastsinnessystems

Ebenen des Tastsinnessystemslt. Haptik-ForscherProfessor Martin Grunwald

Wie bereits eingangs erwähnt, sind sowohl Bewegung und Berührung im inneren und äußeren über den Tastsinn unzertrennlich miteinander verbunden. Dafür ist Dein Körper mit 700 bis 900 Millionen tastsensiblen Sinneszellen vollgepackt, die zwischen Deiner Außen- und Innenwelt vermitteln.

Die Tastsinneszellen nehmen pausenlos die Zustandsveränderung Deiner Haut, Deiner Gliedmaßen sowie Organe wahr und schicken wichtige Infos zum Gehirn. Neben den Zellen auf der Haut befinden sie sich in den Muskeln, Sehnen, Gelenken, den Faszien, der Knochenhaut, den Blutgefäßen usw. Je nachdem, wo sie liegen, haben sie sich auf Druck, Vibration, Temperatur oder Schmerzen spezialisiert. Sie senden rund um die Uhr Informationen ans Gehirn.

Dein Gehirn weiß, wo sich Dein Körper im Raum befindet, was oben, unten, vorne oder hinten ist, wie lang und schwer Deine einzelnen Körperglieder sind, welche Muskeln an- oder entspannt sind und wie dieser Teile zusammen oder getrennt funktionieren.

Dank der Sinnesreize aus dem Körper überwacht Dein Gehirn auch den aktuellen Zustand der Organe. Es hat Herzschlag, Blutzuckerspiegel, Blutdruck, Magen-Darm-Tätigkeit, Atmung etc. stets im Blick.

In jeder Millisekunde erreichen Millionen von Tastreizen Dein Gehirn. Daraus resultieren Reaktionen, die Deine Atmung, Bewegungen, Empfindungen und Gedanken beeinflussen. Die meisten laufen unbewusst ab. Sie werden blitzschnell verarbeitet. Und wie Forscher herausgefunden haben, werden viele Informationen zur Absicherung sogar doppelt und dreifach verarbeitet, um Fehler zu vermeiden.

Über Dein Tastsinnessystem schwingen Körper, Gefühle und Gedanken miteinander.

In der Yogatherapie lenkst Du die Aufmerksamkeit immer wieder auf das Spüren. Mehr und mehr Informationen aus den einzelnen Körperreichen erreichen Dein Gehirn. Das wirkt sich auf vielen Ebenen positiv aus:

  • Viele differenziertere Signale werden wieder wahrgenommen.
  • Du bist in der Gegenwart und weniger in immer wiederkehrenden Gedankenschleifen.
  • Dein virtuelles Körperbild und Dein Körper-bewusst-sein wird verfeinert.
  • Schmerzende Körperbereiche sind weniger dominant.
  • Muskeln lassen sich besser ansteuern und Bewegungen fallen Dir leichter.
  • Ungesunde Bewegungen, Haltungen und Atemmuster sind Dir rascher bewusst und somit beeinflussbarer.
  • Du erspürst, welche Bewegungen/Haltungen gesund sind und kannst sie kultivieren.
  • Alte ungesunde Muster werden durch neue gesunde Muster geschwächt.
  • Ungesunder Stress lässt sich rascher regulieren.
  • Emotionale Auswirkungen auf den Körper erkennst Du klarer und kannst entsprechend agieren.
  • Du bleibst mehr bei Dir und Deinen Bedürfnissen, auch wenn um Dich herum Trubel ist.
  • ...
  • Du fühlst Dich in Deinem Körper wohl und empfindest ihn als sicheren Ort.

Es kommt vor, dass Patienten meinen, nichts zu spüren oder unsicher sind, was sie fühlen sollen. Was Du spürst, ist höchstpersönlich und weder richtig noch falsch. Manches Mal sind die Erwartungen an das Spüren zu hoch, denn schon der Kontakt der Füße mit dem Boden oder die Atembewegung sind Dinge, die Du bewusster erspüren kannst. Selbst wenn Du nur in kleinen Schritten das bewusste Hineinlauschen in Dein Leben integrierst, kann es im Laufe der Zeit einen großen Unterschied machen.

Gewahrsein - nach innen lauschen

Das Gefühl für Dich selbst undDein Wohlbefinden entwickelt sichdurch fühlen, berühren und tasten.